„Cyberpeace-Forum“: Warnung vor dem Cyberkrieg

18.11.2016 -

Am 11. und 12. November diskutierten Experten über die Aufrüstung von Staaten im virtuellen Raum und über mögliche Gegenentwürfe

Die Bundeswehr baut aktuell einen neuen Organisationsbereich „Cyber- und Informationsraum“ auf – rund 13.500 Soldaten sollen dort nach den Plänen von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Sicherheit deutscher Einrichtungen und Infrastrukturen vor Attacken anderer Staaten gewährleisten. Diese Entwicklung, die sich weltweit vollzieht, wirft neue ethische Fragen auf, zumal die Grenzen zwischen Angriff und Verteidigung im virtuellen Raum schnell verschwimmen. Das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF), in dem sich auch Wissenschaftler der Universität Bremen engagieren, lud daher am 11. und 12. November 2016 gemeinsam mit Partnereinrichtungen zum „Cyberpeace-Forum“ ins Haus der Wissenschaft ein. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten dabei über die aktuelle Situation und über Möglichkeiten, die Cyber-Aufrüstung zu stoppen.

Erste Angriffe auf Infrastrukturen

Einen ersten Ausblick auf die Kriegsführung der Zukunft bot bereits die Schadsoftware „Stuxnet“, die 2010 und 2011 an die Öffentlichkeit gelangte. Aaron Lye, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Technische Informatik und IT-Sicherheit an der Universität Bremen, erklärte beim Cyberpeace-Forum die technische Komplexität des Computerwurms, der gezielt zur Zerstörung von Anlagen des iranischen Atomprogramms eingesetzt wurde. Stuxnet sei auch in Systeme gelangt, die nicht mit dem Internet verbunden sind, und habe sehr unauffällig seine Arbeit verrichtet: die Geschwindigkeit von Zentrifugen zur Urananreicherung zu manipulieren, um sie zu beschädigen.

Seither ist Stuxnet in zahlreichen weiteren Anlagen weltweit aufgetaucht. Als Urheber des Wurms werden die USA und Israel vermutet, aber „fast alle Industriestaaten arbeiten an offensiven Waffen“, so Lye. Ziel sei es, Infrastrukturen anzugreifen und zu zerstören. „Es bleibt wichtig, offensive Waffen weiter zu analysieren“, betonte der Informatiker, der sich für das FIfF engagiert. „Es ist aber auch wichtig, Infrastrukturen zu schützen.“

Hohe Investitionen in autonome Waffen

Der Cyberkrieg betrifft Menschen jedoch nicht nur indirekt durch die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen, sondern zunehmend auch ganz direkt durch neue, ferngesteuerte Waffen, die in Zukunft selbstständig tödliche Entscheidungen treffen sollen. Über die „Perversität autonomer Waffen“ referierte Hans-Jörg Kreowski, Professor (i.R.) für Theoretische Informatik an der Universität Bremen und langjähriges Vorstandsmitglied des FIfF. Die USA gehen relativ offen mit ihren Plänen zur diesem Thema um: In der „Unmanned Systems Integrated Roadmap“, die öffentlich verfügbar ist, beschreiben sie auf rund 170 Seiten den Forschungsbedarf. Laut Kreowski geben sie jährlich 3 bis 5 Milliarden Dollar für die Entwicklung autonomer Waffen aus. Man könne davon ausgehen, dass in Russland und China ähnliche Programme laufen, erklärte er. Neu sei, dass mittlerweile nicht mehr das Militär selbst an der Spitze der technischen Entwicklung stehe: „In der Vergangenheit wurde viel Technologie vom Militär entwickelt und dann dem zivilen Bereich zur Verfügung gestellt, jetzt ist es umgekehrt.“

„Ethik ist nicht programmierbar“

Der Einsatz autonomer Waffen sei ethisch nicht vertretbar, meint Kreowski. Grundsätzlich stelle sich die Frage, ob man die Entscheidung über Leben und Tod einem System überlassen könne. Ein autonomes Waffensystem führe programmierte Entscheidungsalgorithmen aus – und diese seien grundsätzlich fehleranfällig. Darüber hinaus werde die menschliche Entscheidung in dem Prozess noch weiter vorverlegt, nämlich auf den Zeitpunkt der Programmierung, und damit noch weniger beherrschbar. Den Versuch, Maschinen mit ethischen Grundsätzen auszustatten, hält er daher für nicht realisierbar. „Ethik ist nicht berechen- und programmierbar“, so Kreowski. „Die Waffen werden nicht einwandfrei funktionieren und den ethischen Anforderungen genügen.“

Als Gegenbewegung forderte er den Aufruf zum weltweiten Bann autonomer Waffen. Die Cyberpeace-Kampagne, in deren Rahmen die Veranstaltung stattfand, habe die Ächtung jeglicher Cyberkriegsaktivitäten zum Ziel. Cyberwaffen müssten genauso verboten werden wie Bio- und Chemiewaffen, betonte Kreowski.

Weitere Präsentationen des Cyberpeace-Forums befassten sich mit dem Verhältnis von Cyberkrieg und Völkerrecht, den Plänen der Bundeswehr und den Gefahren von „Big Data“. Videos aller Beiträge werden in den kommenden Tagen unter cyberpeace.fiff.de veröffentlicht.

Diskussion über die Zivilklausel

Bereits am Vorabend hatte das Forum mit einer Diskussion über die Zivilklauseln an den bremischen Hochschulen begonnen. Sie sehen vor, dass Forschung, Lehre und Studium ausschließlich friedliche Zwecke verfolgen. Aktueller Anlass der Diskussion war eine neue Kooperation der Hochschule Bremen im dualen Studiengang für Informatikerinnen: Die Studentinnen absolvieren parallel zum Studium eine Ausbildung bei der Bundeswehr.

Prof. Kreowski sieht in der Zusammenarbeit einen „eklatanten Verstoß gegen die Zivilklausel und das Bremer Hochschulgesetz“. Cornelia Mannewitz (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) forderte, dass der Studiengang komplett abgeschafft wird. Dagegen betonte der Konrektor Studium und Lehre an der Hochschule Bremen, Axel Viereck, das Studium diene rein zivilen Zwecken – es sei ein ganz normales Informatik-Programm. Darüber hinaus seien die Studentinnen bei der Bundeswehr keine Soldatinnen, sondern Verwaltungsmitarbeiterinnen. Diese Sicht vertrat auch Susanne Grobien, die Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses der Bremischen Bürgerschaft. Die ersten sechs Studentinnen haben mittlerweile das Studium aufgenommen, weitere sollen – in Kooperation mit zusätzlichen Partnern – folgen.

Das „Cyberpeace-Forum“ wurde organisiert vom Bremer Friedensforum, von der Bremischen Stiftung für Rüstungskonversion und Friedensforschung, vom Cyberpeace-Team Bremen, vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung und von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Podiumsdiskussion „Zapfenstreich für die Zivilklausel?“ zusätzlich auch vom DGB Bremen-Elbe-Weser.

Weitere Informationen:
cyberpeace.fiff.de

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